Da ging eines Tages der Knabe zu seinen Brüdern.
Er sagte zu Ihnen:
"Gebt acht! Ich will, daß wir zusammen einen merkwürdigen Ort
aufsuchen."
"Wohin willst du uns denn führen?" fragten die Brüder.
"Ich will euch dahin führen, wo ihr die Wahrheit über euch selbst erfahren sollt."
Die Brüder baten ihn:"Laß es doch sein, es lohnt sich nicht. Danke, wozu sollen wir schon wieder ausziehen?"
Sie wollten nicht gehen. Der Jüngste aber bestand darauf:"Entweder kommt ihr mit, oder ich bringe mich um!" So zwang er sie, mit ihm zu gehen.
Sie gingen lange und noch am selben Tage kamen sie zu jenem Brunnen.
Der Jüngste sagte zum Ältesten:"Ich will dich anbinden und in den Brunnen hinunterlassen. Schau dir an, was es dort im Brunnen gibt."
Der Älteste fing an zu weinen. "Warum willst du mich in den Brunnen hinunterlassen?"
Er hatte Angst, in den Brunnen zu gehen. Er bat um Gnade.
Der Jüngste sagte zu ihm:"Bitte nicht um Gnade, wir müssen dorthin!" Er band ihm den Strick um und ließ ihn hinunter. Aber kaum war der Bruder ein paar Klafter tief,
fing er zu schreien und zu weinen an, - noch ein bißchen
und die Angst zerreißt ihn.
"Ich sterbe, ich sterbe!" Er war noch nicht einmal ein Viertel des Brunnens hinunter. Der Kanbe zog ihn heraus, denn er sah, was für ein Mensch das war.
Dann kam der zweite. Der Knabe band auch ihn und ließ ihn hinunter. Er war kaum bis zur Hälfte des Brunnens gekommen, da begann er zu schreien vor lauter Angst. "Ich sterbe, ich sterbe!" Er zog ihn heraus.
Dann kam die Reihe an den Jüngsten. Er sagte:"Hört zu! Wieviel ich auch weinen und schreien werde, zieht mich nicht hoch. Laßt mich hinunter, bis ihr fühlt,
daß der Strick leicht geworden ist."
Die Brüder fingen ihn zu bitten an:"Du bist unser Jüngster! Warum willst du von uns gehen?"
Sie baten, er möge sie doch nicht verlassen, aber er wollte nicht auf sie hören. Da banden sie ihn und ließen ihn hinunter.
| Schüler: | Das ist eine schöne Geschichte. Ich möchte wissen, wie sie weitergeht. | Lehrer: | Es ist nicht irgendeine Geschichte, es soll deine Geschichte werden. Wohin sie führt, mußt du selbst erproben. | Schüler: | Aber wo gibt es den Brunnen in den ich springen könnte? | Lehrer: | Je weiter du in die Welt ausschweifst, umso entfernter bist du ihm. Suchst du bei dir, schaust du über seinen Rand. | Schüler: | Dann ist der Brunnen in mir? | Lehrer: | Deine eigene Tiefe! | Schüler: | Aber warum dann Angst haben? Was in mir ist, muß ich doch nicht fürchten? | Lehrer: | Nichts ist den Menschen unbekannter und erschreckender, als die eigene Seele. Die meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. |
(Auszug aus "Der Sprung in den Brunnen")